Kaiserhof Straße 12
Religionszugehörigkeit: »mosaisch« stand in unserem polizeilichen Meldebogen und in der Einwohnerkartei; so stand es auch in dem falschen Paß, den sich Papa aus Zürich besorgt hatte. In der Schule aber meldete Mama mich und Paula als »religionslos« an. Daraus wurde in den Klassenbüchern »freireligiös«. Was sich Mama dabei gedacht hat, weiß ich nicht, sie hat nie versucht, uns verständlich zu machen, warum wir unser Judentum verschweigen sollten, doch hielt sie uns an, es zu tun, obwohl wir zu dieser Zeit noch der Israelitischen Gemeinde angehörten. Und wir richteten uns danach. Einen Widerspruch gegen Mama gab es nicht.
Mir fiel das Verschweigen nicht schwer, denn ich hatte bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht, wenn ich mich als Jude zu erkennen gab oder als solcher entlarvt wurde. Nicht besser erging es meinen Geschwistern. In der Volksschule wußte der Klassenlehrer von Paulas jüdischer Abstammung und verspottete sie deswegen oft vor der ganzen Klasse, und er wußte immer neue Schreckensgeschichten über die Juden zu erzählen. Mein Bruder Alex, obwohl auch er sich nie als Jude zu erkennen gab, bekam in der Schule einige Male Prügel, weil er sich schützend vor einen jüdischen Mitschüler gestellt hatte. Und da er nicht so ängstlich war wie ich und nicht weglief, kam er manchmal ziemlich ramponiert nach Hause. Mamas Tarnungsbemühungen waren voller Widersprüche.
Die meisten Bewohner des Hauses wußten, daß wir Juden waren, und doch schärfte sie uns Kindern ein, es niemandem zu sagen. Sie ließ Alex und mich mit allem jüdischen Zeremoniell beschneiden, und dann trat sie aus der Israelitischen Gemeinde aus. Als Paula 1934 die Schule verließ, ging Mama mit ihr zum »Arbeitsnachweis für jüdische Frauen und Mädchen« in die Lange Straße, wo Paula als kaufmännischer Lehrling in eine jüdische Firma vermittelt wurde. Dort blieb sie bis zu deren Zwangsliquidation im Jahr 1938.
Als sich schon längst kein Arier mehr von einem jüdischen Arzt behandeln lassen konnte, kam Dr. Maier, den jedes Kind unserer Straße kannte, mindestens einmal die Woche in unser Haus, um Mamas krankes Herz zu behandeln. Sie weigerte sich beharrlich, einen andern Arzt zu nehmen. Noch bis zum Spätsommer 1937 waren wir bei der »Jüdischen Wohlfahrtspflege« in der Königswarterstraße gemeldet. Jeden Mittag holten wir uns dort einen Tender voll Essen, zu Pessach (: Erinnerungsfest in der Osterzeit an den Auszug der Juden aus Ägypten, an dem während acht Tagen nur ungesäuertes Brot, »Mazza«, gegessen werden darf.) kostenlos Mazzes und im Winter Gutscheine für verbilligte Kohlen.
Unter uns im Hinterhaus wohnten der Polizist Heinrich Busser und seine Frau. Sie hatten keine Kinder, und Frau Busser saß den ganzen Tag auf einem Hocker und nähte und klebte Pantoffeln. Wenn der Polizist mich im Hof oder im Treppenhaus sah, begrüßte er mich mit der immer gleichen Redensart: »Na, Jiddche, wie hammer's?« Dabei legte er mir freundlich die Hand auf den Kopf, und gelegentlich schenkte er mir auch mal einen Fünfer, denn er war sehr kinderlieb.
Den jüdischen Kaufmann Strausser aus unserem Haus trafen wir manchmal in der Freiherr-vom-Stein-Synagoge, Papa sprach mit ihm einige nachbarlich-freundschaftliche Worte, und an Jom Kippur schüttelten sie sich die Hände und wünschten sich was. Und mit dem ledigen jüdischen Hilfsarbeiter Max Himmelreich, der in der Metzgerei von Emil Soostmann, unserem Hausbesitzer, beschäftigt war und auf dem gleichen Flur mit Anna Leutze wohnte, unterhielt sich Papa oft in der Durchfahrt zum Hinterhof. Sie verstanden sich sehr gut, denn sie mauschelten beide.
Ich weiß nicht, Mama, was in deinem Kopf vorging, als du beschlossen hast, deine und Papas Vergangenheit zu tilgen. Ging es dir wirklich nur darum, die Familie gegen die vermeintlichen Gefahren abzuschirmen, die sich aus Papas illegaler revolutionärer Vergangenheit hätten ergeben können, oder wolltest du - allein aus politischen Gründen - mit der jüdischen Tradition brechen, mit allem, was dir und deiner Familie noch an gesellschaftlich und religiös Überliefertem anhaftete? Es gab ja in deinem Freundeskreis genug ähnliche Beispiele. Beides ist voller Widersprüche. So bleibt mir nur noch die Vermutung, daß du, mit dem Ballast deiner eigenen leidvollen Erfahrungen beschwert, uns, vor allem den Kindern, einfach nur die Demütigungen und Kränkungen ersparen wolltest, denen Juden in einer nichtjüdischen Umwelt immer ausgesetzt sind, Kinder ebenso wie Erwachsene. Deine Absichten mögen gut gewesen sein, aber du konntest nicht voraussehen, was du damit angerichtet hast, diese seelischen Verwachsungen, die aus einem jahrzehntelangen Selbstverleugnen entstehen mußten, und die zu überwinden mich noch einmal Jahrzehnte kostete, bis ich endlich ohne Zittern in der Stimme sagen konnte: »Ich bin ich, der Sohn von Moissee Rabisanowitsch aus Nikolajew und Olga Moissejewna Sudakowitsch aus Otschakow, ein Ostjude, in Frankfurt geboren und aufgewachsen, und durch tausend Zufälle den Häschern des Hitlerfaschismus entgangen.«
Daß zeitweise gleich vier jüdische Parteien in Nummer 12 wohnten, obwohl die Kaiserhofstraße keine jüdische Wohngegend war und also nur wenige Juden hier lebten, war Zufall. Mit allen hatten wir Kontakt, so auch mit den Geschwistern Fraker, den drei ledigen Modistinnen aus Galizien, die im Vorderhaus auf dem gleichen Stockwerk mit dem vornehmen Herrn Johann wohnten, dem pensionierten Silberdiener der Rothschilds, der mit Nachnamen Volk hieß. Die drei waren immer guter Laune, doch kamen sie langsam aber unausweichlich in ein Alter, in dem man bei Männern nicht mehr so sehr wählerisch sein kann. Die etwas untersetzte Rosalie mit den flinken Trippelschrittchen und dem runden Puppengesicht, die kleinste von ihnen, bekam dann doch noch einen Mann, David Schimkowitsch, den geschäftstüchtigen Fotografen.
Es war erstaunlich, was sich schließlich alles in dieser Vierzimmerwohnung abspielte. Da waren also David Schimkowitsch und seine Frau Rosalie und einige Monate später noch ihr Sohn Leo, dazu die beiden ledig gebliebenen Schwestern, die in der Wohnung auch weiterhin ihre Hüte fassonierten und mit Modewaren handelten. Außerdem gab es Leni Berger, das Hausmädchen. Ein Zimmer wurde Davids Fotoatelier, ein anderes sein Büro, und schon kurze Zeit später holte er sich den jungen Albert Maierhofer ins Kontor, der, auch noch in der gleichen Wohnung, das Kaufmännische erledigte.
Zwar ist es unvorstellbar, aber irgendwie klappte es. Rosalie blühte in der Ehe auf; die beiden zu kurz gekommenen Schwestern sangen immer noch bei der Arbeit ihre Lieder aus der polnischen Heimat, und im Sommer, wenn das Fenster offenstand, konnte man ihren Gesang bis auf die Straße hören. Davids Atelier und Fotohandel florierten, ihm bekam die Ehe offensichtlich gut.
Und auch Albert schien sich wohl zu fühlen. Neben seiner Büroarbeit übte er sich in der Mittagspause, oder auch schnell mal nach Feierabend, bei einigen Frauen des Vorderhauses als Casanova. Aber er hatte noch eine zweite Vorliebe: die Politik. Er war Mitglied der KPD, kannte darum Mama und unsere Familie sehr gut und wußte auch etwas über unsere Herkunft. Als David, der Fotograf, mit seiner Frau und den Schwestern noch vor 1933 aus unserem Haus auszog - später emigrierten sie nach England -, nahm Albert eine andere Stelle an, und wir verloren ihn aus den Augen. Erst 1945 sah ich ihn wieder. Er gründete die Stadtteilgruppe Westend der KPD mit und war im Plakatkleben und Flugblattverteilen ebenso fleißig wie im Umgang mit Frauen. Die zwölf finsteren Jahre hatten seinen beiden Leidenschaften nicht viel anhaben können.